Die Open-Source-Strategie des Kantons Waadt, die Linux-Clients in München und die konkreten Probleme einer Stadtverwaltung bei der Migration auf Open Office.
14. März 2008 - Im Rahmen der OpenExpo, die gestern und heute in der Berner Bea über die Bühne ging, gab es eine Reihe von interessanten Referaten aus dem Behörden-Umfeld zum Einsatz von Open-Source-Software. Organisiert wurde der Goverment Track an der Open Expo von der Schweizer Informatikkonferenz (SIK) zusammen mit dem Informatikstrategieorgan des Bundes - entsprechend hochkarätig waren die Referenten. Der grüne Waadtländer Regierungsrat François Marthaler erläuterte die Open-Source-Strategie seines Kantons, Florian Schiessl berichtete von den Fortschritten des viel beachteten Münchner Linux-Projekts und Rüdiger Czieschla, CIO der Stadt Freiburg im Breisgau gab einen Einblick in die Migration von MS Office auf Open Office.
Was Open Source mit Ökologie zu tun hat
Regierungsrat Marthaler wählte einen überraschenden Einstieg in seine Key-Note. Im Alter von zwanzig Jahren, erzählte Marthaler, hatte er eine kleine Firma gegründet, die sich 1986 einen Computer anschuf. Das Unix-Maschinchen, auf dem selbst entwickelte, kleine Geschäftsapplikationen liefen, tat 16 Jahre (!) seinen Dienst, bis es 2002 ausgemustert wurde. 80 Prozent des Source-Codes konnte auf dem neuen Linux-PC wiederverwendet werden.
Der Normalfall sieht allerdings anders aus. Hardware wird immer schneller durch neue ersetzt. Marthaler: "90 Prozent der ausgemusterten Hardware funktioniert noch tadellos. Die Informatik konsumiert gewaltige Ressourcen und produziert einen riesigen Verschleiss an 'grauer Energie'".
Der Kanton Waadt fördert aus drei grundsätzlichen Überlegungen heraus die Open-Source-Bewegung. Sie hilft mit, die Lebenszyklen in der Informatik zu verlängern und den weltweiten "digitalen Graben" zuzuschütten und fördert drittens die schnellere und günstigere Entwicklung von sicherer Software, so Marthalers Argumentation.
Der Ruf nach einem behördlichen Open-Source-VerzeichnisObwohl bei Marthalers Ausführungen durchaus viel Enthusiasmus spürbar war, geht der Kanton Waadt bei der Förderung von Open-Source-Software eher pragmatisch vor. Der Kanton setzt Typo3 (CMS), SugarCRM und den Mapserver Cartoweb ein und half bei der Lokalisierung des KMU-ERP-Systems TinyERP mit. Mit diesem könne man bis 50 unterschiedliche (!) Buchhaltungslösungen in den verschiedenen Abteilungen und Betrieben des Kantons ablösen, so der grüne Regierungsrat.
Ausserdem ist die Waadt daran interessiert, Entwicklungen zu teilen. So gibt es eine Lösung für Baubewilligungen ("Camac") und eine für die Fernsteuerung der Energieversorgung von Gebäuden (Tener). Marthaler verlangte in seinem Referat denn auch, dass rasch ein behördliches Verzeichnis von Open-Source-Software geschaffen wird. Genau dies möchte bekanntlich der Berner Dienstleister Bedag auf die Beine stellen.
"LiMux ist nicht tot"
Florian Schiessl von der Stadt München referierte anschliessend zum Verlauf des bekannten Linux-Projekts (LiMux) der bayrischen Hauptstadt.
In den letzten 12 Monaten wurden, so Schiessl, 1000 der ingesamt 14'000 PCs der Stadt München auf das Open-Source-Betriebssystem LiMux migriert. Auf 6000 dieser Arbeitsplätze wurde zudem Microsoft Office durch die Büro-Suite Open Office ersetzt. Es sei dies eine einmalige Chance, die Informatik der Stadt München zu konsolidieren. So fand man auf den total 14'000 PC-Arbeitsplätzen immerhin 13'000 Office-Objekte (Vorlagen, Scripts, ...) vor.
Daher versuchte man, den Wildwuchs von Scripts und Vorlagen durch zentrale Lösungen zu ersetzen. Es gibt ein Java-Progrämmchen, das die persönlichen Kontaktdaten der Beamten automatisch und CI-gerecht in Briefköpfe einfügt, ein Script, das die Auflösung von Bildern in Präsentationen reduziert und ähnliches.
"BigBang hätte uns zerrissen"
Aus Schiessls Ausführungen wurde klar, dass die Migration auf ein quelloffenes PC-Betriebssystem für jede Verwaltung eine riesige Aufgabe ist. So gibt es in München 300 verschiedene Fachanwendungen, die teilweise rein für Windows entwickelt wurden. Als Zwischenlösung werden PCs entweder virtualisiert oder dann halt auf Windows belassen. Rechnete man ursprünglich mit der Migration von 80 Prozent der PCs auf LiMux, so glaubt Schiessl heute, dass es sogar 90 Prozen sein werden.
Schiessl empfahl dringendst, schrittweise und behutsam vorzugehen. "Je genauer man eine Systemlandschaft analysiert, desto mehr Komplexität kommt ans Tageslicht. Das Mengengerüst beim Projekt LiMux steigt laufend," so eine der Begründungen. Zudem brauchte die Überzeugungsarbeit bei den Benützern Zeit. Technische Probleme würden oft vorgeschoben, um organisatorische Probleme zu verdecken, erzählte Schiessl.
"Wir brauchen keinen zweiten Standard"
Auffallend, dass sowohl Marthaler wie auch Schiessl und Rüdiger Czieschla, CIO von Freiburg im Breisgau, in ihren Referaten immer wieder auf das Thema ISO-Zertifizerung der Dokumentenstandards zurückkamen. Offenbar wird die allfällige Anerkennung von Microsofts ooXML als ISO-Standard als Gefahr empfunden. "Wir brauchen keinen zweiten Standard," war mehr als einmal zu hören. Man befürchtet, dass die Anerkennung von ooXML zu neuen Inseln und Inkompatibilitäten führen wird, da das Dokumentenformat viel zu kompliziert sei und deshalb doch wieder nur von Microsoft eingesetzt würde.
Freiburg: 2000 User, 15'000 Office-Vorlagen
Noch Vorlagen-freudiger als die Beamten von München scheinen diejenigen der süddeutschen Stadt Freiburg im Breisgau zu sein. Im Projekt der Migration von MS Office auf OpenOffice tauchten immerhin 15'000 Office-Vorlagen auf, wie der IT-Leiter der Stadt sagte.
Auch in Freiburg wählte man für die Einführung von Open Office eine ausgesprochen vorsichtige Vorgehensweise. Sämtliche Anwender können ihr "altes" Office behalten und erst in einem zweiten Schritt werden Makros, Dokumentenvorlagen und Formulare migriert. Doch auch dies geht nicht immer, denn auch in Freiburg gibt es Fachanwendungen (SAP!), die ausschliesslich mit Microsoft Office zusammenarbeiten.
So sind denn sowohl München wie auch Freiburg i.B. noch weit weg von der wirklichen Einführung von Open-Source-Software auf dem Desktop ihrer Mitarbeitenden. Am 1. November 2007 waren gerade mal 4 Prozent der Freiburger Arbeitsplätze auf OpenOffice migriert. (Christoph Hugenschmidt)














